Kunitsukami-ProjektVol.2

TM MAGAZINE  5. Mai 2026

Hanf war der Name einer Handlung, nicht einer Pflanze|Mashiho Chiri und die Schnüre vom Muschelhaufen Torihama

Am Muschelhaufen Torihama wurde eine Schnur gefunden, die als ältester bekannter Gebrauch von Hanf in der Welt gilt. Mashiho Chiri wies nach, dass die Ainu-Sprache einst kein Wort für „die Pflanze selbst“ besaß. Die Menschen des Altertums gaben keine Namen, um Dinge zu bestimmen. Immer war da eine Handlung.

Japan war einst voll von gewebten Stoffen jeder Art. Bevor Einwanderer vom Festland Baumwolle und Seide brachten, wählten unsere Vorfahren Materialien, die zu der sie umgebenden Natur passten, und webten Stoff aus Pflanzen und Bäumen. Die meisten bekommen wir nicht mehr zu sehen, aber zu ihnen gehörten fujifu, shinafu, tafu, kuzufu, Hanfstoff, Ramiestoff und bashofu.

◯ Fujifu, gewebt aus fuji, dem Blauregen [藤]
◯ Shinafu, aus shinanoki, der japanischen Linde [榀・科]
◯ Tafu, aus kozo, dem Papiermaulbeerbaum [楮], oder aus kaji [穀]
◯ Kuzufu, aus kuzu, der Kudzu [葛]
◯ Hanfstoff, aus asa, dem Hanf [大麻]
◯ Ramiestoff, aus karamushi, der Ramie [苧麻]
◯ Bashofu, aus basho, der japanischen Faserbanane [芭蕉]

Aus Rinde und Stängeln wilder Pflanzen Faden zu spinnen und daraus Stoff zu weben, ist eine Kunst für sich. Wie um alles in der Welt ist dieses Wissen entstanden?

Die Kleidung, neben Nahrung und Wohnung eine der drei Notwendigkeiten des Lebens, hat den Menschen seit fernster Vergangenheit etwas bedeutet, und doch bleiben ihre Rätsel erstaunlicherweise ungelöst. Wir haben eine ungefähre Vorstellung davon, wie sich die Kleidung, die wir tragen, im Lauf der Zeit verändert hat, aber niemand weiß, wie Kleidung zuerst entstand oder wie sie sich entwickelte.

Das Wort „Jomon“, das zum Namen eines ganzen Zeitalters wurde, bezeichnete ursprünglich Keramik mit eingedrückten Schnurmustern. Solche Muster in den Ton drücken zu können, setzt selbstverständlich voraus, dass die Menschen bereits anspruchsvolle Techniken des Zwirnens und Flechtens beherrschten. Tatsächlich fertigten die Menschen der Jomon-Zeit ihre Schnüre nicht einheitlich, sondern erstaunlich vielfältig, und ich selbst bin der Ansicht, dass sie ihre Schnurmuster je nach der natürlichen Umgebung der Orte wechselten, an denen sie lebten. Die Muster änderten sich also nicht nach „dem Willen der Jomon-Menschen“, sondern nach „dem Willen der Natur“. Die Menschen der Jomon-Zeit gingen so eng im Schritt mit den Bewegungen der Natur, dass sie deren Antworten beinahe sofort widerspiegeln konnten.

Gewebte Stoffe wurden hauptsächlich aus Pflanzen und Bäumen gefertigt, doch die in der Jomon- und der Yayoi-Zeit verwendeten Arten unterscheiden sich deutlich. Die Materialien, die in Japan für die frühesten Zeiten belegt sind, sind zum Beispiel Hanf, akaso und Ramie, während kaum eine Verwendung von Rindenfasern gefunden wurde. Rohstoffe an Überresten zu bestimmen, die Jahrtausende alt sind, ist schwierig, aber beschränkt man sich auf die Textilien der Jomon-Zeit, ist die einzige gefundene Rindenfaser die der Hinoki-Scheinzypresse. In der Yayoi-Zeit ändert sich die Lage, und Rindenfasern wie Blauregen, Papiermaulbeerbaum und japanische Linde kommen in Gebrauch. Man könnte sagen, der Unterschied deute darauf hin, dass im alten Japan Menschen mit verschiedenen Denkweisen nebeneinander lebten, doch der eigentliche Schlüssel liegt im Wandel der Vegetation, der dem Wandel des Klimas folgte.

Leider ist die Archäobotanik, so wichtig sie ist, unbeliebt, und sie gehört zu den Gebieten, in denen die Forschung selbst kaum vorankommt. Gestützt auf meine eigenen Nachforschungen halte ich es daher für sehr wahrscheinlich, dass sich Hanf und Ramie in der Jomon-Zeit reichlich sammeln ließen. Weil der wilde Hanf und die Ramie in Fülle als Faser zu gebrauchen waren, hätte man nicht auf Rindenfasern angewiesen sein müssen, deren Bearbeitung weit mehr Mühe kostet.

Um zu sehen, wie diese Welt aussah, fuhr ich zum Warven-Museum der Präfektur Fukui an den Fünf Seen von Mikata. Warven sind Schichten von Ablagerungen, die sich in Seen und Sümpfen bilden, eine Schicht in jedem Jahr, sodass die darin enthaltenen Pollen und anderen Spuren Schlüsse auf die Vegetation einer bestimmten Zeit erlauben. Aus dem Suigetsu-See, einem der Fünf Seen von Mikata, wurde ein 45 Meter langer Bohrkern mit Warven aus rund 70.000 Jahren gewonnen, auf den man sich international als „genauen Maßstab für die Geschichte der Erde“ verlässt. So wie die Koordinierte Weltzeit (UTC) der Industriegesellschaft vom Meridian von Greenwich am Rand Londons ausgeht, liegt der Weltstandard für die Jahresringe der Erde in Fukui.

Die Mitarbeiter dort erklärten mir vieles sehr genau. Bisher, sagten sie, sei keine Spur von Hanf oder Ramie aus der Jomon-Zeit nachgewiesen worden, doch wenn die Forschung voranschreite, könne noch eine auftauchen. Und es gibt eine Tatsache, die sich nicht übersehen lässt. Am Muschelhaufen Torihama, einer Stätte der Initialphase der Jomon-Zeit im Gebiet der Fünf Seen von Mikata, wurden Schnüre gefunden, die als ältester bekannter Gebrauch von Hanf in der Welt gelten. Die Bestimmung ist zwar noch nicht abschließend, doch am selben Muschelhaufen sind von der Initial- bis in die Frühphase der Jomon-Zeit durchgehend Hanfpollen nachgewiesen.

Wie weit Hanf und Ramie in Japan wild wuchsen, ist unbekannt, aber sehr wahrscheinlich waren sie schon in einem verhältnismäßig frühen Abschnitt der Jomon-Zeit reichlich vorhanden. Die Frage ist also, warum so viele Spuren der Rohstoffe gefunden worden sind und sich das Gesamtbild dennoch entzieht. Der Kern des Problems liegt nicht in „der Qualität der Funde“, sondern in „der Art, die Dinge zu sehen“. Es ist, mit anderen Worten, ein Problem des Denkens.

Um diese Art des Sehens zu gewinnen, müssen wir mit einer einzigen Beobachtung beginnen. Sie stammt von Mashiho Chiri, der selbst Ainu war und zur führenden Autorität der Ainu-Forschung wurde. Indem er den Alten zuhörte und die Mythen studierte, wies er nach, dass die Ainu-Sprache früherer Zeiten kein Wort für „die Pflanze selbst“ besaß. Man mag denken: „Das ist alles?“ Aber das ist eine große Entdeckung.

Einfach gesagt heißt es, dass die Pflanzen, die wir heute „Hanf“, „Ramie“ oder auch „Kirschbaum“ nennen, nicht existierten. Diese Erkenntnis ist für jeden, der die Geschichte der gewebten Stoffe betrachtet, entscheidend, und doch bleibt sie bis heute ein völlig blinder Fleck, und die Leute vom Fach haben sie nicht begriffen. Wie ich das Empfinden der Menschen des Altertums sehe, gaben sie keine Namen, um „Dinge“ zu bestimmen. Immer war da eine „Handlung“. Man nahm einen bestimmten Teil einer bestimmten Pflanze, gebrauchte ihn in einer Handlung des täglichen Lebens und machte etwas daraus, und diese ganze Abfolge von Handlungen erhielt einen Namen. Geht man von dieser Sicht aus, wird klar, dass Blauregen, japanische Linde, Kudzu, Hanf, Ramie, Papiermaulbeerbaum und Faserbanane nicht als Materialien, als „Dinge“, sondern vom Denken her neu betrachtet werden müssen.

Es ist mühsam, aber ein Text namens Kogo Shui ist hier ein nützlicher Führer. Er wurde 807 von Inbe no Hironari, dem letzten Oberhaupt des alten Inbe-Klans, vollendet und dem Kaiser Heizei überreicht, und er versammelt alte Überlieferungen rund um die Wurzeln der Inbe. Unter den Inbe war der Zweig, der mit gewebtem Stoff arbeitete, der der Awa-Inbe.

Awa war der alte Name des heutigen Tokushima. Die fruchtbare Tokushima-Ebene wird im Norden vom Sanuki-Gebirge und im Süden vom Shikoku-Gebirge umschlossen, und das Einzugsgebiet des Yoshino, der die Ebene von Westen nach Osten durchquert, blühte lange als berühmte Quelle von Hanf und Papiermaulbeerbaum. Die Ursprungslegende der Awa-Inbe erzählt dasselbe: Ihre Vorfahren seien nach Awa übergesetzt, hätten „Hanf“ und „Papiermaulbeerbaum“ gepflanzt und ihrer Ahnengottheit Ame no Hiwashi [天日鷲命] einen Schrein errichtet.

Diese Legende ist mit dem Daijosai verbunden, dem großen Ritus, durch den der Thronerbe die Kaiserwürde antritt. Auch beim Daijosai, der den Übergang von der Heisei- zur Reiwa-Zeit begleitete, bauten Menschen aus Siedlungen tief in den Bergen um den Berg Tsurugi, angeführt vom Oberhaupt der Familie Miki, den Nachfahren der Awa-Inbe, Hanf an, webten ihn zu Stoff und vollzogen eine ein Jahr währende Zeremonie, um ihn dem Kaiserhof darzubringen. Der Hanfstoff, den die Awa-Inbe dem Thronerben darbringen, heißt Aratae [麁服].

Entgegen dem, was die meisten annehmen, ist die Geschichte der Aratae jedoch verworren, und vor allem stößt man in der Welt der alten Textilien rasch an eine bestimmte Grenze.

In der nächsten Folge öffne ich darum die Welt der alten Textilien und mache mich auf die Suche nach den Ursprüngen der Kleidung.

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