Kunitsukami-ProjektVol.3

TM MAGAZINE  12. Mai 2026

Die Aratae des Daijosai|Der Stoff der Awa-Inbe, zurückverfolgt bis zum Kogo Shui und in der Taisho-Zeit wiederbelebt

Die Aratae, die im höchsten Geheimritus des Daijosai getragen wird, war nach dem Kogo Shui ein Stoff aus kozo und Hanf, gewebt von den Nachfahren des Ame no Hiwashi, der Ahnengottheit der Awa-Inbe. Der Daijosai brach nach 1466 ab. Der Brauch, dass die Nachfahren der Awa-Inbe die Aratae darbringen, lebte bei der Thronbesteigung des Taisho-Kaisers wieder auf.

Diese Woche wende ich mich unter den gewebten Stoffen des alten Japan einem legendären Hanfstoff zu, der mit den Riten des Kaisers verbunden ist.

Letzte Woche schrieb ich, dass die Japaner seit der Jomon-Zeit Stoff aus sehr vielen Pflanzen gewebt haben, darunter Blauregen (fuji), japanische Linde (shinanoki), kozo und kaji, zwei Arten des Papiermaulbeerbaums, Kudzu, Hanf (asa), Ramie (karamushi) und Faserbanane (basho). Heute besteht der größte Teil unserer Kleidung aus synthetischen Fasern auf Erdölbasis, und wir haben selten Gelegenheit, natürlichen Stoff zu berühren, doch betrachtet man die Geschichte der Japaner als Ganzes, waren in 99 Prozent davon natürliche Materialien in Gebrauch.

Die Kunst, aus der Rinde wilder Pflanzen Faden zu spinnen und daraus Stoff zu weben, erscheint schon im Kojiki und im Nihon Shoki, die beide im frühen achten Jahrhundert vollendet wurden. Gewebter Stoff war bereits im Zeitalter der Götter in Gebrauch, und unter solchen Stoffen gibt es ein legendäres Gewebe, das heiliger gehalten wurde als alle anderen. Es ist die Aratae, der Stoff, den ein Thronerbe im geheimsten Ritus des Daijosai trägt, der Zeremonie, durch die er Kaiser wird.

Die Geschichte der Aratae beginnt im Mythos, in der Erzählung von Ama no Iwaya, der Felsenhöhle des Himmels. Amaterasu, die Ahnengottheit der heutigen Kaiser, kann die Gewalttätigkeit ihres jüngeren Bruders Susanoo nicht länger ertragen, öffnet die Tür der Felsenhöhle und schließt sich darin ein. Weil die Welt in Finsternis gestürzt ist, versammeln sich die besorgten Götter und führen unter der Leitung von Omoikane, dem Gott der Weisheit, einen Plan aus, um Amaterasu aus der Höhle zu locken.

Viele Maßnahmen werden ergriffen, doch betrachten möchte ich hier die shiranikite [白丹寸手] und die aonikite [青丹寸手]. Das sind die Schreibungen des Kojiki; das Nihon Shoki schreibt sie 白和幣 und 青和幣. Beide waren flache, schnurartige Stoffstreifen, die shiranikite aus kozo, der auch yu genannten Rindenfaser, die aonikite aus Hanf, und der Gott, der beide darbrachte, war Futotama, im Kojiki Futotama no Mikoto, im Nihon Shoki Ame no Futotama no Mikoto genannt.

Der Klan, der diesen Futotama später als seine Ahnengottheit verehrte, waren die Inbe. Dieser alte Klan, auch Imube oder Imibe gelesen und seit der Heian-Zeit 斎部 geschrieben, hatte die Machtkämpfe am Hof bereits verloren, als das Kojiki und das Nihon Shoki vollendet wurden, und tritt daher in der Geschichte wenig hervor. Viele werden sich aus dem Geschichtsunterricht an Nakatomi no Kamatari erinnern, später als Fujiwara no Kamatari bekannt, der die Taika-Reform (645) in Gang setzte, und die Inbe wurden eben deshalb besiegt, weil die Macht der Nakatomi so groß geworden war.

Tatsächlich lag die wirkliche Herrschaft über die den Kaiser betreffenden Riten am alten Hof in den Händen zweier Flügel, der Inbe und der Nakatomi. Mit dem Aufstieg der Nakatomi aber übernahmen diese sogar die Riten, die ursprünglich den Inbe oblagen, und das Fortbestehen der Inbe selbst geriet in Zweifel. Als sein Tod nahte, nahm Nakatomi no Kamatari, das Oberhaupt der Nakatomi, mit Zustimmung des Kaisers Tenji, seines Verbündeten bei der Taika-Reform, den Familiennamen Fujiwara an. Nach Kamataris Tod war der Mann hinter dem vollen Aufstieg der Linie Nakatomi-Fujiwara Fujiwara no Fuhito. Fuhitos Söhne, die vier Fujiwara-Brüder, bemächtigten sich schließlich sowohl des Hofes, der die politische Macht innehatte, als auch des Kaiserhauses, das die rituelle Macht innehatte, und sie wurden zur treibenden Kraft, die Japan in die Heian-Zeit führte, die zuweilen „das Zeitalter der Fujiwara“ genannt wird.

In dieser bedrängten Lage hielt Inbe no Hironari, der als letztes Oberhaupt der Inbe gilt, die Rechtmäßigkeit seines Klans in einem Text namens Kogo Shui (807) fest. Darin wird Futotama als Ahnengottheit der Inbe gesetzt, und es werden vier von ihm geführte Götter verzeichnet (im Japanischen zählt man Götter mit dem Wort hashira, „Säulen“).

◯ Ame no Hiwashi (天日鷲)
→ Ahnengottheit der Awa-Inbe, in der heutigen Präfektur Tokushima
◯ Taokihooi (手置帆負)
→ Ahnengottheit der Sanuki-Inbe, in der heutigen Präfektur Kagawa
◯ Hikosashiri (彦狭知)
→ Ahnengottheit der Kii-Inbe, in den heutigen Präfekturen Wakayama und Mie
◯ Kushiakarutama (櫛明玉)
→ Ahnengottheit der Izumo-Inbe, in Izumo, der heutigen Präfektur Shimane

Mythen haben drei Arten von Struktur: eine, in der Götter geboren werden, eine, in der Götter von selbst entstehen, und eine, in der ein Gott andere Götter anführt. Die Götter der Inbe gehören zur dritten Art, was bedeutet, dass verschiedene Gruppen von Handwerkern unter Futotama vereint wurden.

Das Kogo Shui erzählt den Mythos von der Felsenhöhle des Himmels, den ich oben nach dem Kojiki und dem Nihon Shoki beschrieben habe, weit ausführlicher. Bis zu dem Punkt, an dem Omoikane dem Futotama seine Befehle gibt, stimmt es mit ihnen überein, doch was es schildert, ist der Sache nach ein großes Vorhaben, in dem Futotama als Anführer Götter vieler verschiedener Fertigkeiten zusammenbringt. Darin erscheinen die aonikite und die shiranikite. Nach dem Kogo Shui wurden die aonikite von Nagashiraha aus der Provinz Ise gefertigt, und als ihr Material wird Hanf genannt. Ame no Hiwashi, die Ahnengottheit der Awa-Inbe, lässt dagegen Tsukuimi (津咋見) kaji-Bäume pflanzen und die shiranikite herstellen, und als ihr Material wird yu genannt.

Hier sollten wir vorsichtig sein, denn das alte „ao“ (Blau) und „shiro“ (Weiß) waren den Farben, die wir uns heute vorstellen, überhaupt nicht ähnlich. In Ao to Shiro no Genso (Die Phantasie von Blau und Weiß) schreibt der eigenwillige Volkskundler Kenichi Tanigawa: „Im Altertum gab es nur vier Namen für Farben: Rot, Schwarz, Weiß und Blau.“ Tatsächlich ist nichts schwerer zu fassen als das alte Verständnis der Farbe. Ao zum Beispiel meinte nicht einfach das Blau, das wir kennen, sondern war auch ein Wort für die Orte, an denen die Toten zur Windbestattung niedergelegt wurden (Ortsnamen wie Aoshima sind eine Spur davon). Die aonikite und shiranikite, die hier erscheinen, sind also nicht blau und weiß, wie wir uns diese Farben vorstellen. Noch heute bewahren die Japaner Spuren davon, wenn sie üppig grüne Pflanzen „aoaoshii“ nennen und die grüne Ampel als „ao“ bezeichnen.

Weil der Mythos nicht auf einer linearen Zeit aufgebaut ist, die von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft läuft, kann er anfangs schwer zugänglich sein, und tatsächlich deutet an dieser Stelle noch nichts auf eine Verbindung Tokushimas mit Hanf oder kaji hin. Später im Text jedoch verzeichnet das Kogo Shui, dass Ame no Tomi, Futotamas Enkel, die Enkel des Ame no Hiwashi auf der Suche nach fruchtbarem Land führte und schließlich in der Provinz Awa kaji und Hanfsamen pflanzte. Ihre Nachfahren, heißt es, lebten noch zu Inbe no Hironaris eigener Zeit, im achten und neunten Jahrhundert, in Awa und brachten in jedem Jahr eines Daijosai yu, Hanfstoff und andere Güter dar. Es heißt auch, der aus dem yu und dem Hanf der Nachfahren des Ame no Hiwashi gewebte Stoff sei in der alten Sprache Aratae [阿良多倍] genannt worden. Bemerkenswerterweise leben diese „Nachfahren“ noch heute tief in den Bergen um den Berg Tsurugi in Tokushima. Es ist die Familie Miki.

Das bedeutet, dass „Aratae“ schon ein alter Name geworden war, als Inbe no Hironari im frühen neunten Jahrhundert das Kogo Shui schrieb. Seit der Heian-Zeit wurde es auf viele Weisen geschrieben, als 麁布, 荒妙, 麁服 und so weiter, und in Wahrheit wurde die Geschichte dieses alten Stoffes umso verworrener, je weiter die Inbe verfielen, sodass sie wohl schon in der Heian-Zeit in Geheimnis gehüllt war. Als die Ära in Reiwa wechselte, wurde erneut ein Daijosai abgehalten, und wieder wurde in einem Weiler tief in den Bergen um den Berg Tsurugi, mit dem Oberhaupt der Familie Miki, den Nachfahren der Awa-Inbe, im Mittelpunkt, ein großes Vorhaben ausgeführt, um Hanf anzubauen, ihn zu Stoff, der Aratae, zu weben und dem Kaiserhaus darzubringen.

Dennoch ist es auch ein Fehler, die Aratae zu verklären. Der Daijosai selbst ist nicht immer abgehalten worden. Er kam nach 1466 zum Erliegen, dem Jahr vor dem Ausbruch des Onin-Krieges 1467, und wurde erst 1687, in der Edo-Zeit, wiederbelebt. Seither wird er bei jeder Thronfolge vollzogen, doch der Brauch, dass die Nachfahren der Awa-Inbe die Aratae aus Tokushima darbringen, kehrte mit ihm nicht zurück.

Der Brauch kam erst nach der Meiji-Zeit wieder, als Tokushima ihn bei der Inthronisation des Taisho-Kaisers als Unternehmen der ganzen Präfektur wiederbelebte, was man heute Regionalförderung nennen würde. In den Zeiten Showa, Heisei und Reiwa wurde er fortgeführt, doch deshalb begann man jedes Mal fast bei null und tastete sich voran. Heisei und Reiwa waren umso schwieriger, als nach dem Zweiten Weltkrieg unter amerikanischem Druck der Anbau von Hanf selbst außer mit Lizenz verboten wurde und Japans Hanfanbau, der ein Jahrhundert zuvor eine Fläche von der Größe ganz Paris’ bedeckt hatte, drastisch zurückging. In Tokushima erlosch der Hanfanbau nach dem Krieg. Die Herstellung der Aratae in der Heisei- und Reiwa-Zeit war daher außerordentlich schwierig. Besonders für Reiwa musste das Dorf die Mittel selbst aufbringen. Es sammelte Geldgeber, die die Arbeit finanzierten, lud Anbauer aus der Präfektur Tochigi ein, die sich auf den Hanfanbau verstanden, samt ihren Geräten, heuerte auf eigene Kosten Polizei an und begann mit dem Anbau des Hanfs unter Bewachung rund um die Uhr.

Auch das Vergehen der Zeit ist grausam gewesen. Nachfahren der Awa-Inbe mögen sie sein, und ihr Stammhaus, das Wohnhaus der Familie Miki, ist als Wichtiges Kulturgut Japans eingestuft, doch mit der Abwanderung der Jungen vom Land in die Städte nach dem Krieg und der darauf folgenden Entvölkerung arbeitete selbst das heutige Familienoberhaupt als Bankangestellter in Osaka. Später kehrte er zurück, um im Haus der Miki zu leben, und wirkte an der Herstellung der Aratae mit, aber es ist wohl richtig zu sagen, dass das Altertum bereits an die Moderne verloren ist.

Letztes Jahr fuhr ich nach Koyadaira, tief in den Bergen um den Berg Tsurugi, und hörte das Familienoberhaupt sprechen. Diese Erzählungen teile ich in künftigen Ausgaben, zusammen mit der Geschichte der alten gewebten Stoffe.

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